Home > Nachrichten > Regenerative Agrarökologie: die notwendige Lösung zur Bekämpfung des Klimawandels

Von Dr. Vandana Shiva, Präsidentin von Navdanya International

Das Paradigma der industriellen Landwirtschaft, das die Welt als Maschine und nicht als selbstorganisiertes lebendes System betrachtet, hat den Planeten verwüstet und gleichzeitig erheblich zum Klimawandel beigetragen. Der jüngste ausführliche Bericht von Navdanya International „Regeneration ist Leben„, der auf der COP 28 in Dubai vorgestellt wurde, analysiert die tatsächlichen Ursachen des Klimawandels und unterstreicht die echten regenerativen Lösungen im Gegensatz zu den von den Verschmutzern vorgeschlagenen falschen Lösungen.

Wie in dem Bericht aufgezeigt wird, sind die ökologisch zerstörerischen Praktiken der industriellen Landwirtschaft für 29% aller Treibhausgasemissionen (THG) verantwortlich, was das globale Ernährungssystem zu einem der Hauptverursacher von Klimawandel und Umweltzerstörung macht.

Die Düngemittelindustrie ist für mehr als ein Fünftel der gesamten geschätzten Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft weltweit verantwortlich. Massentierhaltungsbetriebe tragen in erheblichem Maße zur Boden- und Wasserverschmutzung bei. Die FAO geht davon aus, dass die Massentierhaltung für 14,5% der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, während einige Schätzungen die Zahl auf über 30% beziffern.

Heute ist der Großteil des industrialisierten und globalisierten Ernährungssystems in den Händen einiger weniger Unternehmen konzentriert. Fünf agrochemische Unternehmen halten ein 55%iges Monopol über den 61,5 Milliarden US Dollar schweren Weltmarkt für Saatgut. Im Jahr 2018 befanden sich 61% der weltweiten Saatgut- und Pestizidproduktion im Besitz von drei Megakonzernen. Vier Konzerne haben ein Monopol auf den weltweiten Handel mit Nahrungsmitteln und etwa 80% des US-Rindfleischmarktes werden von nur vier Firmen kontrolliert. Im Jahr 2018 beherrschten sieben Unternehmen die Genetik von Geflügel, Schweinen, Rindern und Aquakulturen und erzielten einen Umsatz von über 80 Milliarden US Dollar.

Doch genau diese Konzerne stehen hinter dem Vorstoß für synthetische und im Labor hergestellte Nahrungsmittel: Giganten der Fleischindustrie wie Tyson Foods, JBS, Cargill, Nestlé und Maple Leaf Foods haben bis zu 2,78 Milliarden US Dollar in diesen neuen Sektor investiert. Synthetische und im Labor hergestellte Lebensmittel werden schnell zu einem weiteren Instrument, um noch mehr Macht und Profit in den Händen einiger weniger Nahrungsmittelgiganten zu konsolidieren, ohne sie für die Folgen des von ihnen zementierten Systems zur Verantwortung zu ziehen.

Die vorherrschenden, von diesen Konzernen geförderten Narrative drängen nun darauf, den komplexen ökologischen Zusammenbruch und den Klimawandel auf dualistische Narrative wie pflanzliche gegen tierische Produkte zu reduzieren, anstatt sich mit der umfassenderen Krise zu beschäftigen, wie die derzeitigen industriellen Praktiken die Ökosysteme der Erde zerstören.

So zu tun, als ob die Welt eine Maschine sei, untergräbt und zerstört letztendlich die  Lebensprozesse und die organische Systeme. In der Europäischen Union zum Beispiel ist die Gesamtzahl aller Arten von Landwirten zwischen 2005 und 2020 von 14,4 Millionen auf 9,1 Millionen gesunken. Das bedeutet, dass über 5 Millionen kleine und mittlere Betriebe schließen mussten. Gleichzeitig ist die biologische Vielfalt seit 1970 weltweit um durchschnittlich 69% zurückgegangen.

Die kolonisierende Mentalität sieht die Natur als tote Materie an, die ausgebeutet und benutzt werden kann. Die Kolonisatoren sehen die Selbstorganisation nicht. Sie sehen die Kreativität nicht. Sie sehen nur Kontrolle und Profit, während sie Seuchen und Krankheiten bringen und das Land, den Boden und das Wasser zerstören.

Falsche Lösungen, wie zum Beispiel synthetische Lebensmittel, führen zu einer weiteren Trennung von der Natur. Aber die Trennung zwischen uns und der Natur ist die Wurzel des Problems.

Wir stehen jetzt an einem Wendepunkt zwischen der Fortführung des mechanistischen Modells und der Wahl, im Einklang mit der Natur und ihren regenerativen und kreativen Fähigkeiten zu leben. Wir müssen das Leben zurück in den Boden bringen. In den Mikroorganismen des Bodens finden wir das Leben, das wir nicht sehen können und das aber die Grundlage für unsere Gesundheit und die Lösung des Klimaproblems ist.

Die wirkliche Lösung für die Umwelt- und Klimakrise liegt nicht in der Schaffung von Ersatznahrungsmitteln oder der Expansion des industriellen Paradigmas, sondern in der Ausweitung und Förderung von Initiativen auf der ganzen Welt, die bereits daran arbeiten, unsere Verbindung mit der Erde durch Fürsorge zu heilen.

Diese Lösungen existieren schon und werden von lokalen, vielfältigen Lebensmittelgemeinschaften auf der ganzen Welt umgesetzt. Sie zeigen uns, dass es möglich ist, einen Weg des Lebens in Harmonie mit der Natur zu gehen. Wir sind Teil der Systeme der Erde, unsere Nahrung ist ein Kontinuum der Gesundheit der Ökosysteme der Erde. Wir sind zutiefst und von Natur aus miteinander verbunden.

Agrarökologische Systeme können die Bodengesundheit verbessern, die Erosion verringern und die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels durch die Erhaltung der biologischen Vielfalt erhöhen.

Agrarökologie und biologischer Landbau verringern auch den Bedarf an externen Betriebsmitteln durch die Integration von Agrarökosystemen, stärkere Diversifizierung der Anbaukulturen und verbesserte Bodenbewirtschaftung. Durch die erhöhte Kohlenstoffbindung hat die ökologische Landwirtschaft geringere Auswirkungen auf das Klima als die industrielle Landwirtschaft. Wenn sie systematisch umgesetzt wird, hat die regenerative Agrarökologie das Potenzial, den Kurs umzukehren und als wichtiges Instrument zur Minderung des Klimawandels zu dienen.

Es gibt zwei Arten, uns selbst und unsere Beziehung zur Erde zu sehen. Entweder sehen wir uns als getrennt von der Natur oder als eins mit ihr. Es genügt, einen Samen in die Erde zu pflanzen, um diese Vision ins Leben zu rufen. Und jede weitere Gemeinschaft, die ökologisch lebt, lebt ein besseres Leben. Es ist eine sehr aufregende Zeit, in der wir leben, um das Leben zu regenerieren.

Regeneration ist Leben

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