Home > Nachrichten > Soil Not Oil: Echte Lösungen für den Klimawandel – das industrielle fossile Ernährungssystem in ein fossilfreies, biodiverses, regeneratives Ernährungssystem transformieren

Deutsche Untertitel


By Dr Vandana Shiva
(Basierend auf dem neuen Buch „Climate Change and the Future of Food“, das in Kürze erscheinen wird)

Die industrielle Landwirtschaft sprengt die planetarischen Grenzen und treibt den Klimawandel voran 

Auf fossilen Brennstoffen basierende Landwirtschafts- und Lebensmittelsysteme zerstören das Klima, die biologische Vielfalt und unsere Gesundheit. Mehr als 50 % der Treibhausgasemissionen stammen aus einem industriellen, fossilen Ernährungssystem zur Erzeugung, Verarbeitung und Verteilung von Lebensmitteln (*).

Die industrielle Landwirtschaft und ihre Nahrungsmittelsysteme sind fossile Brennstoffsysteme. Die aus fossilen Brennstoffen gewonnenen Chemikalien wie Stickstoffdünger haben die planetarische Stickstoffgrenze gestört. Die für den Einsatz fossiler Brennstoffe geförderten Monokulturen führen zum Verlust der biologischen und genetischen Vielfalt und zum Aussterben der Arten.

Die fossilen Agrarchemikalien, auf denen die industriellen Ernährungssysteme beruhen, führen zum Aussterben von Pflanzen, Insekten und Vögeln. Synthetische Düngemittel töten Bodenorganismen, Pestizide und Insektizide töten Insekten, Herbizide töten Pflanzen.

Rachel Carson war der Meinung, dass unsere Motivation, Gifte in die Umwelt einzubringen, auf einer tief verwurzelten und überholten Philosophie beruht – einer Philosophie, die letztlich zu unserem Untergang führen könnte: »Die Beherrschung der Natur ist eine arrogante Phrase, die aus dem Neandertaler-Zeitalter der Biologie und Philosophie stammt, als man annahm, die Natur existiere zur willkürlichen Nutzung durch den Menschen.«

Den Beiträgen zur Konferenz über pflanzengenetische Ressourcen 1995 in Leipzig zufolge sind 75 % der pflanzlichen Artenvielfalt in der Landwirtschaft durch industrielle Monokulturen verlorengegangen.

Eine aktuelle deutsche Studie zeigt, dass 75 % der Insekten verschwunden sind. Eine andere Studie aus Frankreich bezeichnete das Verschwinden der Vögel in Frankreich als Verwüstung der biologischen Vielfalt.

Der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln wird mit dem Rückgang der europäischen Vogelpopulationen in Verbindung gebracht, wie eine Studie ergab. Heute gibt es in Europa etwa 800 Millionen Vögel weniger als vor 40 Jahren, was einem Rückgang von 25 % entspricht. Bei wildlebenden Ackervögeln, die sich von Insekten ernähren, beträgt der Rückgang sogar 60 %.

Der maßgebliche Bericht von BirdLife International »State of the World’s Birds 2022« schätzt, dass es in Kanada und den USA heute fast drei Milliarden weniger Wildvögel gibt als noch vor einigen Jahrzehnten.

Forscher fanden heraus, dass das Größenwachstum von landwirtschaftlichen Betrieben zu einem Rückgang der Vogelvielfalt um 15 % führte.

Nach Angaben der Internationalen Energieagentur: »Die Verwendung von Öl als petrochemischer Rohstoff ist der einzige Bereich, in dem ein Anstieg der Nachfrage zu verzeichnen ist.« Wie der Weltklimarat in einem Bericht von 2019 über Klimawandel und Land feststellt, hat sich die Produktion von Stickstoffdünger seit 1961 fast verneunfacht und im Jahr 2020 die schwindelerregende Menge von 123 Millionen Tonnen erreicht. Düngemittel aus fossilen Brennstoffen tragen zu einem Treibhausgas bei, das 2.300 Mal schädlicher für das Klima ist als CO2.

Fossilbrennstofffreie, biodiverse und regenerative Lebensmittelsysteme für echte Lösungen für den Klimawandel

Bilder: Globaler Lebenszyklus THG-Emissionen von Stickstoffdünger. Die Emissionen aus dem gesamten Lebenszyklus von chemischen Düngemitteln betragen 1,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent. Quelle: https://www.ciel.org/wp-content/uploads/2022/10/Fossils-Fertilizers-and-False-Solutions.pdf

Die regenerative ökologische Landwirtschaft ohne fossile Brennstoffe, die auf der biologischen Vielfalt basiert, maximiert die Photosynthese, die Technologie der Natur zur Bindung von Kohlenstoff, die auch Nahrung und Sauerstoff produziert. Es ist diese Technologie der Natur, die das Klima reguliert und den Planeten seit über 4 Milliarden Jahren kühlt.

Eine auf Biodiversität basierende ökologische Landwirtschaft, die die Photosynthese intensiviert, ist eine Lösung für Klima und Ernährung

Durch ihre Selbstorganisation und Selbstregulierung hat die lebendige Erde mit ihrer biologischen Vielfalt die kohlenstoffreiche Atmosphäre des Planeten von 4.000 ppm auf 250 ppm reduziert, von 98 % CO2 auf 0,03 % CO2. Die Erde senkte ihre Temperatur von 290 °C ohne Leben auf 13 °C mit biologischer Vielfalt.

Die Arbeit nach den ökologischen Gesetzen der Natur, die Intensivierung der Artenvielfalt und die Regenerierung des Bodens durch eine ökologische Landwirtschaft ohne fossile Agrarchemikalien können die Emissionslücke schließen und zu negativen Emissionen beitragen, indem sie der Luft CO2 entziehen und es in die Pflanzen und den Boden einlagern, so dass reichlich Nahrungsmittel angebaut werden und gleichzeitig das Klimaproblem angegangen wird.

Wie André Leu auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse schlussfolgert, »könnte das unterschiedliche System der Maximierung der Photosynthese und der Rückführung von Kohlenstoff in den Boden 34,74 Gigatonnen CO2 pro Jahr binden. Das ist mehr als die derzeitigen anthropogenen Emissionen von 26,88 Gigatonnen CO2-Äq. pro Jahr und würde zu negativen Emissionen führen. […] Die Ausweitung der Regeneration auf 10 % der landwirtschaftlichen Betriebe kann erheblich dazu beitragen, die negativen Emissionen zu erreichen, die erforderlich sind, um die globale Erwärmung auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen«.

Dr. Jacqueline McGlade bekräftigt zudem, dass ökologische Techniken, die der Hälfte der landwirtschaftlichen Böden der Welt 1 % lebendigen Kohlenstoff zurückgeben, ausreichen würden, um etwa 31 Gigatonnen CO2 pro Jahr zu absorbieren, was einer Lücke von 32 Gigatonnen zwischen der geplanten Emissionsreduzierung und dem entspricht, was bis 2030 reduziert werden muss, um das 1,5 °C-Ziel zu erreichen.

Organische Böden sind reich an Mykorrhizapilzen, die den Pflanzen Nährstoffe zuführen, während die Pflanzen ihnen Kohlenhydrate als Nahrung geben. Die symbiotische Beziehung zwischen Pflanzen und Pilzen ist die Grundlage unseres Ernährungssystems. Sie birgt auch das Geheimnis, wie der Boden die Antwort auf die durch Erdöl verursachten Probleme gibt. Weltweit tragen Pflanzengemeinschaften 13,12 Gigatonnen CO2 zu verschiedenen Arten von Mykorrhizapilzen bei, was etwa 36 % der derzeitigen CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen entspricht. Chemiefreie Böden, die reich an Mikroorganismen und Mykorrhizapilzen sind, erhöhen zudem den Nährstoffgehalt in Lebensmitteln.

Nährstoffe im Boden für Pflanzen und in unseren Lebensmitteln. Bodennahrung in biologischen Betrieben (grün) im Vergleich zu chemischen Betrieben (rot).

 

Die Regenerierung des Bodens ist der effektivste Weg, um mehr Nahrungsmittel anzubauen und dem Klimawandel entgegenzuwirken. Soil Not Oil – Boden statt Öl ist der Weg in die Zukunft. Der Boden ist die Antwort auf die Probleme, die das Zeitalter des Öls geschaffen hat. »When the world is on the boil, turn to the Soil« – Wenn die Welt am Siedepunkt ist, wenden wir uns dem Boden zu!

(*) Die hier angegebenen Zahlen weichen vielfach von im Umlauf befindlichen ab. Das hängt u. a. damit zusammen, was alles einbezogen wird. Die hier gemachten Angaben werden in dem in Arbeit befindlichen Buch detailliert belegt werden (A. d. Ü.).