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Von Dr Vanadana Shiva – Pressenza Deutsch, 4. September 2022 | Quelle

Terra Madre, Gaia, Pachamama, Vasundhara… Die lebendige Erde ist ein selbst organisiertes, sich selbst regulierendes, lebendiges System. Sie ist autopoietisch, indem sie die Poesie des Lebens schreibt und die Symphonie des Lebens erschafft, durch das Gleichgewicht aller daran beteiligten Lebewesen, von den Mikroorganismen bis zu den Säugetieren.

Botschaft von Dr. Vandana Shiva zum Tag der Mutter Erde am 22. April 2022

Mutter Erde lebt!
Die Erde lebt.

Vom Molekül über die Zelle und dem Lebewesen bis hin zu den Ökosystemen und dem Planeten selbst stützt sich das Leben auf Nicht-Trennung, Gleichgewicht und Quantenkohärenz. Selbstorganisierende Resonanz mit anderen Lebewesen, die selbstorganisiert sind.

»Das Leben ist im Idealfall ein Bereich, der Energie aufnimmt und speichert und sein Quantum stimmig in perfekt gepaarten Zyklen mobilisiert, die keine Entropie erzeugen… In einem quantenkohärenten Universum sind alle Lebewesen sowohl als Teilchen/Festkörper lokalisiert als auch als Quantenwellenfunktionen delokalisiert, die letztlich überall im Universum verteilt sind. Daher sind alle Wesen miteinander verflochten und bestimmen sich gegenseitig. Dadurch, dass wir anderen schaden, schaden wir im Endeffekt uns selbst, und der beste Weg, sich selbst zu helfen, besteht darin, anderen zu helfen.« – Mae Wan Ho [1]

Seit mehr als 4 Milliarden Jahren hat die lebende Erde eine unglaubliche Vielfalt auf unserem lebenden Planeten hervorgebracht, von Viren und Biomen bis hin zu Ökosystemen und den Arten. Gaia webt das Netz des Lebens, die Fäden und Beziehungen, die die Artenvielfalt ihrer Erdfamilie – Vasudhaiva Kutumbkam – verbinden. Durch ihre Artenvielfalt und Biosphäre hat die lebende Erde ihr Klima selbst reguliert, indem sie die Temperaturen des vormals 290 Grad heißen Planeten ohne Leben auf 13 Grad heruntergekühlt hat. Durch die Lebensprozesse hat die Erde die damals kohlendioxidreiche Atmosphäre von 98 % mit 4000 ppm Kohlendioxid auf 0,03 % mit 270 ppm reduziert. [2]

Mutter Erde entwickelte ihre eigene anspruchsvolle Technologie der »CO₂-Abscheidung und -Speicherung« (»Carbon Capture and Sequestration«) durch Photosynthese, die es Pflanzen und Mikroorganismen ermöglicht, Sonnenlicht und Kohlendioxid in der Atmosphäre einzufangen und in Sauerstoff, unsere Luft, umzuwandeln. In der Atmosphäre sammelte sich Sauerstoff an und die Erde wurde von der ursprünglichen wärmespeichernden CO₂- reichen Atmosphäre durch den Oxidationsprozess von Pflanzen und lebenden Organismen in eine CO₂-arme Atmosphäre umgewandelt. Dadurch konnten Temperaturen auf einem Niveau reguliert werden, die menschliches und anderes biologisches Leben auf der Erde ermöglichten.

Durch ihre biologische Vielfalt und ihre Biosphäre erzeugt, bewahrt und unterstützt, regeneriert und erneuert sie ihre Infrastruktur des Lebens einschließlich des Klimasystems. Mutter Erde lädt uns ein, sich an der Biosphäre von Kleinlebewesen, Pflanzen und Tieren zu beteiligen und das Gleichgewicht mitzugestalten, das die Sinfonie des Lebens ist.

Wir sind eine Faser im Netz des Lebens.

Wir sind Kinder der Erde, nicht ihre Herren und Besitzer.

Wir sind Mitglieder der Einen Erdfamilie.

Vor 200.000 Jahren schuf die lebende Erde die Bedingungen für unsere Spezies, sich zu entwickeln, sich selbst zu erhalten und als Mitglieder der Biosphäre für unsere Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Unterkunft zu sorgen.

Wir leben, weil die Erde lebt. Lernen, als Teil der Biosphäre zu leben, wie es indigene Völker, Frauen und Kleinbauern getan haben, ist unsere Arbeit für die Erde, für die Zukunft der Menschheit.

Mutter Erde lebt und hat Rechte.

»Mutter Erde ist eine untrennbare Gemeinschaft von verschiedenartigen und voneinander abhängigen Lebewesen, mit denen wir ein gemeinsames Schicksal teilen und mit denen wir in einer Art und Weise in Beziehung stehen sollten, die Mutter Erde zugutekommt.« [3]

Vielfalt ist das Ordnungsprinzip der Natur, die Grundlage für Entstehung, Entwicklung und Anpassungsfähigkeit. Vielfalt in Gestaltung und Ausdrucksformen, in Abläufen und Zusammenhängen zeigt, wie die Natur Werte und Stärke schafft. Die Natur erschafft keine Monokulturen und Gleichförmigkeit. Die Natur erschafft keine Zäune und Mauern der Trennung und Spaltung von Eigentum und Privatbesitz.

Wir sind eine lebendige, bewusste Faser im pulsierenden Netz des Lebens. Wir alle sind Mitglieder der Einen Erdfamilie, durch das Leben miteinander verbunden. Wir sind Teil der Erde, nicht abgetrennt von ihr. Wir sind Kinder von Mutter Erde, nicht ihre Herren und Besitzer. Wir gehören zu den jüngsten Geschwistern in der Erdfamilie und haben von unseren Ältesten, den Mikroorganismen und den Pflanzen viel zu lernen.

Die Gaben der Natur sind für die Ernährung aller Wesen in der Erdfamilie bestimmt, nicht nur für die Menschen. Alle Wesen haben ein Recht auf die Gaben der Erde für ihre Ernährung. Wir sind keine bevorzugte Spezies, die anderen Spezies ihren Anteil wegnehmen, andere Arten zum Aussterben bringen oder unseren Mitmenschen Nahrung und Wasser vorenthalten kann.

Die Wirtschaftlichkeit der Natur und die ökologischen Regenerationsprozesse, die das Leben erhalten, sind ein Gemeingut des Lebens.

Die Artenvielfalt, der Boden und das Wasser der Erde sind keine »menschlichen Erfindungen«, sie sind nicht das »Privateigentum« einiger Milliardäre und ihrer Konzerne. Sie sind Gemeingüter, die Infrastruktur des Lebens – keine industriellen »Rohstoffe«, aus denen Gewinne gezogen und die als Kapitalanlagen gehandelt werden können.

Jedes Lebewesen, von der kleinsten Mikrobe bis zum größten Säugetier, ist ein Teil des Lebensnetzes. Alle Lebewesen sind empfindungsfähige Wesen und haben einen Eigenwert und eine Bedeutung. Sie sind keine Objekte, die man besitzen und manipulieren kann. Ihr Wert entsteht nicht auf dem Markt und kann nicht auf Geld reduziert werden.

Auf die Erde ausgerichtete Paradigmen und Weltbilder stellen den Menschen nicht in den Mittelpunkt. Sie stellen nicht die Misswirtschaft des Extraktivismus in den Mittelpunkt. Sie stellen das Leben und die Lebensprozesse, die das Leben fördern, in den Mittelpunkt. Sie stellen die Währungen des Lebens in den Mittelpunkt.

Der Erde etwas zurückzugeben, damit sie sich regenerieren und ihre Gaben mit anderen teilen kann, ist das Herzstück dessen, was es bedeutet, Mitglieder der Einen Erdfamilie zu sein.

Das Leben ist ein regenerativer Kreislauf. Das Leben ist an den Lebenszyklen beteiligt. Fürsorgliches Handeln und Teilen ist regenerative Ökonomie – Oikonomia oder die Kunst des Lebens

Die Ökonomie der Natur ist die Ökonomie des Lebens, die alles in ständiger Erneuerung und Regeneration erhält.

Das Teilnehmen an den Erneuerungs- und Regenerationszyklen der Natur, die auf den Lebensläufen und den Energieströmen, auf Nahrung, Wasser und Luft beruhen, bedeutet Oikonomia, die Kunst des Lebens.

Die Natur funktioniert nicht in linearen, extraktiven Strömen in eine Richtung. Mutter Erde arbeitet in vielschichtigen und zahlreichen ökonomischen Lebenskreislaufsystemen, die auf ökologischen Erneuerungszyklen, Wiederverwertung, dem Gesetz der Rückführung und dem Gesetz des Gebens beruhen. Lebende Kreislaufwirtschaften fördern ein Wirtschaften der Beständigkeit durch Regeneration und Erneuerung. Die Gaben der Erde werden nicht aufgebraucht. Samen werden zu Pflanzen, Pflanzen geben wiederum Samen. Nahrung ist die Währung des Nahrungskreislaufs, der alle Lebewesen im Netz des Lebens ernährt. Wasser ist die Währung des Wasserkreislaufs, der den Durst des Bodens, der Pflanzen, der Tiere und der Atmosphäre stillt.

Die Wirtschaft der Natur ist eine autopoietische Wirtschaft mit negativer Entropie, im Gegensatz zu automatisierten Industriesystemen, die allopoietisch auf externer Energie- und Ressourcenzufuhr beruhen und vergeudete Energie als Entropie erzeugen.

Die Kreisläufe der Natur sind Null-Verschwendungs- und Null-Verschmutzungssysteme, im Gegensatz zu den durch externe Energie angetriebenen Industriesystemen, die Abfall und Verschmutzung verursachen.

Die Sorge für die Erde und ihren Artenreichtum ist die Realwirtschaft, an der wir teilnehmen, indem wir für die Bedürfnisse der anderen in unserer Erdfamilie sorgen, die wiederum für uns sorgt.

Zusammenarbeit, Gegenseitigkeit und Synergie sind die Prinzipien der Naturwirtschaft, nicht Wettbewerb und Extraktivismus. Knappheit ist eine Idee, die verwendet wird, um das Land und die Ressourcen der Menschen an sich zu reißen. Die Idee der Knappheit und der Gier ist die Grundlage für Konflikte und Kriege. Frieden entsteht, wenn alle Lebewesen in Gegenseitigkeit zusammenarbeiten und sich mit Gaben beschenken, um Wohlstand und Lebensunterhalt für alle zu schaffen, indem sie Erhaltung und Regeneration zur Basis von lebenden Wirtschaften und Existenzgrundlagen machen.

Deshalb beten wir: »Möge der Friede der Erde, der Luft, der Atmosphäre, der Gewässer, der Pflanzen, der Bäume… möge dieser Friede mit euch sein.«

Ein gewaltloses Mitgestalten mit Mutter Erde bedeutet Frieden herzustellen und für die Grundbedürfnisse an Nahrung und Wasser, für das Leben und die Existenzgrundlage jedes Menschen zu sorgen. Wie Gandhi sagte: »Die Erde hat genug für die Bedürfnisse aller, nicht für die Gier einiger weniger.«

Wir haben die Verpflichtung, die lebenden Systeme der Erde und die Infrastruktur des Lebens, die uns sauberes Wasser, saubere Luft und einwandfreie Lebensmittel zur Verfügung stellt, zu schützen. Alle Lebewesen haben das Recht auf die Gaben der Erde. Alle Lebewesen haben das Recht auf Leben und auf ihren Anteil am ökologischen Raum. Kein Mensch, ganz gleich wie reich er durch Extraktivismus geworden ist, hat das Recht, sich den Anteil anderer, die an der Naturwirtschaft, der Wirtschaft des Lebens teilhaben, zu eigen zu machen.

Leben bedeutet, sich an den Lebensprozessen zu beteiligen.

Leben bedeutet Gemeinschaften. Leben bedeutet, die Gemeingüter des Lebens zurückzugewinnen und sich den neuen Einhegungen durch die Kommerzialisierung der Umwelt zu widersetzen.

»Die Währung des Lebens ist Leben, nicht Geld«

Mutter Erde verbindet uns mit ihrem Leben und mit der Erdfamilie durch das Fließen der Lebensströme von Energie und Atemluft, von Wasser und Nahrung.

Währung bedeutet Fließen. Es ist der Fluss des Lebens und der Liebe durch das Netz des Lebens in der Natur und der Gesellschaft, der uns als Einheit trägt. Wie ich schon oft wiederholt habe: Die Währung des Lebens ist Leben, nicht Geld. Wasser ist die Währung des Lebens. Atem ist die Währung des Lebens. Lebensenergie ist die Währung des Lebens. Fürsorge ist die Währung des Lebens. Die vielfältigen Währungen des Lebens steigern die Infrastruktur des Lebens, damit alles Leben gedeiht.

Die heutige ökologische Notlage ist eine Folge der Ökonomie der Habgier, des Extraktivismus, um Geld zu verdienen, und Geldmacherei ist der Wertmaßstab, ja sogar der Maßstab für das Menschsein selber geworden. Das ist die Grundlage für Unmenschlichkeit, für Gewalt und Kriege gegen die Erde und gegen die Menschen im Namen von Rohstoffausbeutung für den Markt.

Der Kolonialhandel beruhte auf der Kommerzialisierung und Vermarktung der Natur, wobei für die Natur und lokale Gemeinschaften nichts mehr übrig blieb. Die Siedler wurden reicher. Die Natur und das kolonisierte Volk wurden ärmer.

Die Krankheit wird jetzt als Heilmittel angepriesen. Märkte und Geld werden als Lösung für die ökologischen Katastrophen dargestellt, die sie ausgelöst haben. Das Wirtschaftswachstum, das lediglich ein Maßstab dafür ist, wie viel aus der Natur und der Gesellschaft herausgeholt wurde, um es in Geld, Kapital und Finanzen umzuwandeln, wird als Lösung für die ökologischen Krisen dargestellt, die durch Geldmacherei und Extraktivismus entstanden sind.

Die Gesetze von Gaia sind die Grundlage des Lebens auf der Erde. Sie haben Vorrang vor der Produktion, sie haben Vorrang vor dem Handel und sie haben Vorrang vor dem Markt. Der Markt ist von Gaia abhängig. Gaia ist nicht abhängig vom Markt. Sowohl die Erde als auch die Gesellschaft stehen an erster Stelle. Sie sind unabhängig und eigenständig. Sie können nicht zur Ware werden und auf den »freien Markt« reduziert werden.

In knapp 500 Jahren des Kolonialismus reduzierten die Raubritter Terra Madre, Mutter Erde auf Terra Nullius, tote leere Erde, auf Besitz, der sich zu eigen gemacht wird, auf Rohstoff, der abgebaut wird. Erdzentrierte Gemeinschaften, die in Frieden mit der Erde als Teil der Erde leben, wurden als »primitiv« bezeichnet. Oikonomia, die Kunst des Lebens wurde gewaltsam in Chrematistik, die Kunst des Geldmachens, umgewandelt.

Sie ließen die Währungen des Lebens verschwinden und ersetzten sie durch Geld und Finanzen.

In den 100 Jahren des Ölzeitalters ersetzten die Raubritter den lebendigen Kohlenstoff der biologischen Vielfalt durch falsche Energie aus fossilem, totem Kohlenstoff, wodurch die Selbstregulierung des Erdsystems unterbrochen wurde und uns Verschmutzung, Kriege und Klimakatastrophen beschert wurden.

Der Klimawandel, das Artensterben, Wirtschaftskatastrophen und Kriege haben ihren Ursprung in der Habgier und den Kriegen gegen die Erde und ihre Völker. Sie haben ihre Wurzeln in der Kontrolle des Lebens, indem sie den Fluss des Saatguts von Bauer zu Bauer, den Fluss des Wassers in seinem Flussbett, den Fluss der Nahrung, die alle Lebewesen im Nahrungsnetz ernährt, den Fluss des Geldes, das die Verkörperung von realen Gütern und Ressourcen widerspiegelt und den Fluss von Freiheit und Demokratie, von Wissen und Information kontrollieren. Kontrolle des Flusses bedeutet Kontrolle des Lebens und der Freiheit. So wird Geld verdient und Macht in den Händen einiger weniger angehäuft.

Nun wollen die Räuberbarone, die mit Öl reich wurden, neue Märkte mit Kohlenstoff, neuen Besitz an den ökologischen Leistungen der Natur schaffen, indem sie die biologische Artenvielfalt und die Natur auf Finanzanlagen herunterstufen, die aufgekauft und gehandelt werden können. [4]

Im Jahre 2021 riefen Rockefeller und die New Yorker Börse die Intrinsische Austauschgruppe [5] ins Leben, deren Aufgabe sich darauf konzentriert, »den Weg für eine neue Anlageklasse zu bereiten, die auf Naturgütern und dem Mechanismus beruht, diese in Finanzkapital umzuwandeln« [6]. Ein neuer Kolonialismus, ein neuer Besitz, eine neue Einhegung der Allmende wird von den Räuberbaronen ausgearbeitet, die nicht nur die Natur besitzen wollen, sondern auch ihre ökologischen Dienstleistungen. Zu den Vermögenswerten gehören »biologische Systeme, die für saubere Luft, Wasser, Nahrungsmittel, Medikamente, ein stabiles Klima, menschliche Gesundheit und gesellschaftliches Potenzial sorgen« [7] .

Die Räuberbarone von heute, die Philanthrokapitalisten, die BlackRocks und Vanguards versuchen, die gesamte Natur und unser Leben zu besitzen und zu privatisieren. Sie mutieren zu Fürsten des Lebens, denen wir für reine Luft zum Atmen, Nahrung zum Essen und Wasser zum Trinken Miete zahlen werden müssen. Was die Natur als Geschenk kostenlos zur Verfügung stellt, wird nun zur Ware, die wir zu hohen Preisen und mit Hilfe von digitalen Sozialkrediten in der neuen Wirtschaft, die auf der alten Kolonisierung aufbaut, »kaufen« müssen.

Die Geldmaschine versucht, das letzte Saatkorn, den letzten Wassertropfen, den letzten Fluss zu besitzen, den letzten Wald und den letzten Bauernhof, das letzte Insekt und den letzten Grashalm auszulöschen. Durch die Bildung fiktiver Währungen und fiktiver Finanzen wird die Natur auf einen »Vermögenswert« herabgestuft, der wie durch ein Wunder auf 4.000 Billionen Dollar vervielfacht wird.

Die Finanzkrise von 2008 war das Ergebnis der Finanz-Räuberbarone, die die 90-Billionen-Dollar-Wirtschaft mit Realgütern und Dienstleistungen wie Häusern und Nahrungsmitteln zu einer fiktiven 512-Billionen-Dollar Finanzwirtschaft magisch aufgebläht hatten. Die Finanzwirtschaft wuchs zu Lasten von Millionen von Menschen, die dadurch mittellos und obdachlos und wurden. Je mehr die reale Welt in Vermögenswerte umgewandelt wird, desto mehr nehmen Obdachlosigkeit und Hunger zu.

Die Wall Street und die Unternehmen für Finanzanlagen erstreben nun eine fiktive Finanzwirtschaft in Höhe von 4.000 Billionen Dollar, indem sie Gewinne aus den »Naturvermögenswerten« oder den Gütern und Dienstleistungen, die die Erde produziert, abschöpfen. Diese Kommerzialisierung ist eine Einhegung der Allmende des Lebens. Sie ist der Versuch, den letzten Fluss, den letzten Wald und den letzten Hektar Land zu besitzen. Es ist ein Rezept zur Verdrängung und Enteignung der wahren Hüter der Natur, der indigenen Völker und Kleinbauern, die ohne Zugang zu Land, Wäldern und Wasser und zu ihren erdzentrierten Kulturen und Existenzgrundlagen zurückgelassen werden. Hunger, Armut, Marginalisierung und Enteignung nehmen zu. Dies ist ein Verstoß gegen die Ökonomie der Natur, gegen die Rechte von Mutter Erde, gegen die Rechte aller Lebewesen und gegen die Menschenrechte.

Die Bildung neuer Algorithmen zur Vervielfachung von Kapital und zur Steigerung finanzieller Ressourcen kann das Leben, das durch ökologische Zerstörung in der Natur verloren gegangen ist, nicht erneuern. Durch Extraktivismus kann die Natur zu Geld gemacht werden. Aber man kann Geld nicht in Natur verwandeln.

Ein afrikanischer Bauer erfasste den ontologischen und ökologischen Unterschied zwischen Geld und Leben mit einer einfachen Metapher:

»Man kann ein Kalb nicht in eine Kuh verwandeln, indem man es mit Schlamm bedeckt.« [8]

Die Finanzialisierung von Mutter Natur, durch die sie auf ein »Wirtschaftsgut« und eine Handelsware herabgestuft wird, setzt die ontologische Verblendung dafür fort, wie Mutter Erde durch ihre autopoietischen Währungen und Lebensströme das Leben schafft und aufrechterhält.

Geld ist ein reines Tauschmittel für reale Güter und Dienstleistungen, die durch echte Arbeit produziert werden. Doch Geld verwandelte sich in das mysteriöse Konstrukt »Kapital«, das Reichtum erzeugen konnte, indem es die Schaffenskraft der Natur, der Frauen, der Bauern, der Arbeiter leugnete, die Allmende einhegte und somit Gemeingüter als Privateigentum besitzen konnte. So verwandelte sich »Kapital« in »Investition«. Investitionen verwandeln sich durch vielfältige Interpretationen in »Anlagenrenditen«, bei denen diejenigen, die keine wirkliche Arbeit leisten, sondern Reichtum überwachen, der durch Ausbeutung von Natur und Menschen geschaffen wurde, noch mehr Reichtum anhäufen und den Reichtum dazu benutzen, Natur und Gesellschaft zusätzlich auszubeuten. Die ökologische Krise nimmt zu. Armut, Elend und Ausgrenzung nehmen zu.

Die Finanzialisierung der Natur ist der jüngste Schritt in der Mutation des »Investierens« von der Fürsorge des Gebens hin zu Profiten und Geldmacherei.

Die ursprüngliche Bedeutung von »investieren« war, etwas Schönes zu machen, etwas zu bekleiden. Nur zehn Jahre nach der Gründung der East India Company im Jahre 1610 änderte sich die Bedeutung von Investition von verschiedenen Möglichkeiten des »Bekleidens« und »Verschönerns« zu »Geld einsetzen, um Gewinn zu erzielen« im Zusammenhang mit dem unternehmerischen Kolonialhandel.

Es war John Locke, der diese Bedeutung um die »Zirkulation von Geld« erweiterte, um dem Bedarf an Privatbesitz und geldzentrierten Strukturen, die durch den Kolonialhandel entstanden sind, zu entsprechen. Der Irrglaube, dass Geld die Währung des Lebens sei, hat dazu geführt, dass Geschäftemacherei belohnt und Geschäftemacher sogar verehrt wurden, während unser Sinn für die Verbundenheit des Lebens ausradiert wurde, und damit auch unser Potenzial, Mitgefühl zu empfinden.

»In den Planeten investieren« bedeutet für sie, den letzten Tropfen Leben aus dem Erdsystem herauszupressen und den Menschen und anderen Spezies die letzte Freiheit zu nehmen, sich von der Erde, ihren Flüssen und ihren Währungen tragen zu lassen.

Wir müssen wieder zur ursprünglichen Bedeutung von »investieren« zurückkehren, zu Bekleiden und Schönheit herstellen. Wir müssen die Erde wieder mit der Artenvielfalt von Bäumen auf unseren Höfen und in unseren Wäldern, mit der biologischen Vielfalt von Getreide auf unseren Feldern und in unseren Gärten bekleiden. Wir müssen die Biodiversität, die Photosynthese und die Lebensströme der Natur stärken. Wir müssen Saatgut pflanzen und den lebendigen Boden pflegen, damit Saat, Boden und Sonne das Fließen der Lebensenergien fördern und unterbrochene Kreisläufe heilen können. Wir müssen Liebe, Fürsorge und Mitgefühl investieren, um die Erde zu erneuern und die Kriege gegen die Erde und ihre Völker zu beenden.

Frieden, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit fordern ein Ende der Kriege gegen die Erde in unseren Köpfen und in unserem Leben.

Das Kolonialzeitalter hat unseren Verstand zum Sklaven gemacht und unsere Beziehung zur Erde zerbrochen. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe hat unseren Verstand und unsere Herzen versteinert, indem es uns zu wehrlosen Zahnrädern in der Ölmaschine, in der Geldmaschine gemacht hat, Zahnräder, die die Maschine jetzt durch Roboter und Künstliche Intelligenz ersetzen will.

Mutter Erde weckt uns auf, um uns von der anthropozentrischen Arroganz zu befreien, die reiche und mächtige Menschen blind macht für das Leben, die Schaffenskraft, die Techniken und die Wirtschaft der Natur, und die es ihnen erlaubt, uns unseren rechtmäßigen Anteil und Platz als Erdwesen in der Lebensökonomie von Mutter Erde, die Leben und Wohlstand, Nahrung und Wasser für alle sicherstellt, zu verwehren.

Während sich Geld und Finanzen immer weiter von der Wirtschaft der Natur und den realen Ökonomien des Lebensunterhalts, den die Menschen erschaffen, entfernen, während Vermögen sich auf geheimnisvolle Weise vermehrt und sich in den Händen einiger weniger Milliardäre und ihrer Vermögensverwaltungsfonds konzentriert, ist es an der Zeit, sich an die Prophezeiung der Cree-Indianer zu erinnern.

»Wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen und der letzte Fluss vergiftet ist, wirst du begreifen, dass man Geld nicht essen kann.«

Unsere gemeinsame Zukunft mit Mutter Erde aussäen

Wir sind biologische Wesen, ökologische Wesen, irdische Wesen, miteinander verbundene Wesen, geistige Wesen. Wir sind eine Erdfamilie. Samenkörner sind keine Maschinen. Pflanzen sind keine Maschinen. Tiere sind keine Maschinen. Wir sind keine Maschinen. Unser Verstand ist keine Maschine. Wir sind bewusste, intelligente, fürsorgliche Wesen mit dem Potenzial, uns eine Zukunft des Friedens und der Gewaltlosigkeit, der Fülle und des Wohlstandes zu kreieren und zu kultivieren.

Das Leben ist selbstorganisierte Vielschichtigkeit und Intelligenz in ständiger Weiterentwicklung, Interaktion, Veränderung und Entstehung. Vom Samenkorn habe ich über die Kraft der Autopoesis gelernt, die sich von innen heraus aufbaut. Die biologische Vielfalt von Samen und Pflanzen ist meine Lehrmeisterin für Reichhaltigkeit und Freiheit, für Zusammenarbeit und gegenseitiges Geben.

Samenkorn, reines Samenkorn, Bija, Seme, Semilla – Quelle des Lebens, der Erneuerung und der Üppigkeit. Das Samenkorn erneuert und vermehrt sich. Das Samenkorn regeneriert. Aus sich selbst heraus. Für immer und ewig… Das Samenkorn verkörpert die Fortdauer der Evolution.

Vom Samenkorn lernen wir etwas über Selbstorganisation, gemeinsame Schöpfung, Erneuerung. Wir können uns der Erde wieder zuwenden, um Leben in Vielfalt zu kultivieren, am Lebensfluss teilzunehmen und für unsere Bedürfnisse zu sorgen. In einer Zeit, in der die Räuberbarone planen, die ganze Natur, die ganze Erde zu besitzen und uns zu zwingen, für unsere Bedürfnisse zu zahlen, müssen wir dem Beispiel meiner Schwestern der Chipko-Bewegung folgen, die uns daran erinnerten, dass Wälder keine Holzminen, sondern Quellen für Boden, Wasser und Sauerstoff sind. Sie erklärten, sie würden die Bäume umarmen, um sie zu schützen, und nicht zulassen, dass sie gefällt werden.

Am Tag der Mutter Erde und an jedem Tag, an dem wir leben und atmen, wer immer wir sind, wo immer wir sind, lasst uns Mutter Erde umarmen in Dankbarkeit für die Luft, die Nahrung, das Wasser, das Leben, das sie uns schenkt, und ihr unsere tiefe Liebe zum Leben verkünden.

Mutter Erde ist nicht käuflich

Als ich die Bewegung zur Rettung und Freiheit von Saatgut ins Leben rief, reiste ich durch das Land, um Aufmerksamkeit für die Gesetze über das geistige Eigentum von GATT/WTO zu erzeugen, durch das sich die Unternehmen zu Eigentümern des Saatguts machen wollten. Die Stammesangehörigen von Chattisgarh, die 200.000 Reissorten entwickelt haben, erklärten mir, dass Saatgut ein Gemeingut ist, das durch Verteilung neu gebildet werden muss. Reis wird Akshat genannt, der Unversehrte, der Zeitlose, der Atem des Lebens. Sie baten mich, zurückzukommen und am Akti-Fest teilzunehmen, Akshaya Tritiya, einem Fest, bei dem der unversehrte Lebenskreislauf gefeiert wird, nicht als Zuschauer, sondern als Teilnehmende am Kreislauf der Erneuerung und Pflege. In einem Gebet, das bei Akshaya Tritiya gesprochen wird, gibt Mutter Erde uns den Hinweis, dass der Sinn unserer Leben Liebe und Barmherzigkeit für alle Lebewesen ist.

»Die Verbindung mit allen Lebewesen durch Liebe und Barmherzigkeit ist der Sinn des Lebens.«

मित्रस्याहं चक्षुसा सर्वाणि भूतानि समीक्षे‚- (यजुर्वेद- 36/18)

सभी जीवों ( विविध जीवों) के प्रति सहृदयता का परिचय देना ही जीवन का लक्षण है।

David Korten macht uns unseres Potenzials bewusst, am »freudvollen Hochgefühl teilzuhaben, das entsteht, wenn wir unserer Verantwortung nachkommen, uns an der Pflege des Lebens zu beteiligen« [9].

Quellenangaben:

[1] A late and dear friend and a geneticist who worked on a quantum theory of biology.
Hunt, Tam. (2013). The rainbow and the worm: Establishing a new physics of life. Communicative & integrative biology. 6. e23149. 10.4161/cib.23149.

[2] Prentice, IC, Farquhar, GD, Fasham, MJR, Goulden, ML, Heimann, M, Jaramillo, VJ, Kheshgi, HS, Le Quere, C, Scholes, RJ & Wallace, DWR 2001, The carbon cycle and atmospheric carbon dioxide. in JT Houghton, Y Ding, DJ Griggs, M Noguer, PJ van der Linden, X Dai, K Maskell & CA Johnson (eds), Climate change 2001: The Scientific Basis. Contribution of Working Group I to the Third Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC).
Cambridge University Press, Cambridge.

[3] The Universal Declaration of the Rights of Mother Earth (»The Declaration«) was proclaimed on 22 April 2010 (international Mother Earth Day) by the approximately 35,000 participants in the People’s World Conference on Climate Change and the Rights of Mother Earth.
https://www.navdanya.org/earth-university/universal-declaration-of-the-rights-of-mother-earth

[4] Harty, Declan. ‘NYSE Is Pushing into the Market of Natural Assets’.mFortune, 14 Sept. 2021, https://fortune.com/2021/09/14/nyse-natural-asset-company-ieg-esg-investment-vehicle/

[5] ‘IEG’. IEG, https://www.intrinsicexchange.com

[6] ‘Solution’. IEG, https://www.intrinsicexchange.com/en/solution

[7] Webb, Withney. »Wall Street’s Takeover of Nature Advances with Launch of New Asset Class«.
Unlimited Hangout, 13 Oct. 2021, https://unlimitedhangout.com/2021/10/investigative-reports/wall-streets-takeover-of-nature-advances-with-launch-of-new-asset-class/

[8] Timberlake J., Africa in Crisis: The Causes and Cures of Environmental Bankruptcy, Paperback; London: Earthscan, 1985; ISBN-13: 978-0905347578

[9] Korten D. Ecological Civilization: From Emergency to Emergence. 26 May 2021, https://davidkorten.org/ecological-civilization-from-emergency-to-emergence/

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt.

 

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